Der menschliche Ansatz der Automatisierung

In den Nachrichten liest man immer wieder, dass Roboter Arbeit schlauer, schneller und besser als Menschen verrichten können. 2017 konnte ein selbstlernendes Computerprogramm von Google erstmals einen mehrfachen Weltmeister im Brettspiel Go schlagen. Das System nutzt zur Bestimmung seines nächsten Spielzuges neuronale Netzwerke und bringt sich die besten Spielzüge in Rekordzeit selbst bei, wogegen sich der Mensch beim Spiel meist auf seine Intuition stützen muss.

 

«Der maschinelle Makel»

 

In seinem Artikel „Der maschinelle Makel“ im Tagesspiegel postuliert Henrik Bork nun das genaue Gegenteil des allgemeinen Trends. Ihm zufolge setzt Toyota nämlich nun wieder vermehrt auf den Menschen und nicht auf Roboter. Während andere Unternehmen auf das Modell einer «Licht-aus-Fabrik» hinarbeiten, welche nur Roboter als Arbeitskräfte einsetzt, hat sich Toyota dazu entschieden, die Richtung zu korrigieren und wieder vermehrt auf den Menschen zu setzen. Und das, obwohl (oder gerade weil) Toyota ganz vorne war und ist bei der Automatisierung.

 

Was also hat Toyota gelernt, was wir auch lernen sollten?

Erfahrene Meister im Handwerk wurden früher in der Toyota-Produktion in Japan «Kami-Sama» – zu Deutsch so viel wie «Götter» – genannt und für ihre bemerkenswerten Fertigkeiten geradezu verehrt. Diese «Kami-Sama» feiern nun in japanischen Produktionshallen ihr Comeback, unterstützt durch den Fertigungschef von Toyota, Mitsuru Kawai.

 

Kawai selbst hatte während seiner Laufbahn ganze Fertigungslinien automatisiert – jedoch stets den Respekt gegenüber den Arbeitenden und eine gewisse Skepsis gegenüber Robotern bewahrt. Die ersten Roboter nahm Kawai 2015 wieder aus der Produktion aufgrund von Unregelmässigkeiten in der Fabrikation von Blechplatten für das Modell Land Cruiser. Im Vergleich zu den Robotern konnten Arbeitende auftauchende Unregelmässigkeiten erkennen und darauf reagieren. Der Materialverbrauch ging durch diesen Entscheid enorm zurück, was für den Weltkonzern Einsparungen im Millionenbereich bedeutete. Vor Kawais Berufung zum Vizepräsidenten hatte Toyota mit Qualitätsmängeln und Imageproblemen zu kämpfen. Über mehrere Jahre hinweg mussten mehr als zehn Millionen Autos zurückgerufen werden und die Profitabilität des Konzerns sank. Mittlerweile verzeichnet Toyota wieder Rekordgewinne. Kawai setzt in verschiedensten Fertigungsbereichen erneut auf menschliche Arbeitende, auch wo sie bereits komplett durch Roboter ersetzt worden waren. Er erzählt, dass für vollautomatische Produktionen komplexe Systeme benötigt werden, welche sehr hohe Kosten mit sich bringen und dann oft «stillstehen», also stets auf derselben Entwicklungsstufe bleiben. Für Kawai steht der Mensch immer im Mittelpunkt, da dieser im Gegensatz zu Robotern Prozesse verbessern kann. Offizielle Angaben über den Automatisierungsgrad des Konzerns gibt es keine. Experten schätzen jedoch, dass zurzeit wieder nur zehn Prozent in den Produktionsstätten von Robotern hergestellt wird – was etwa dem Stand von vor zehn Jahren entspricht.

 

Auch Elon Musk, Geschäftsführer von Tesla Inc., bekundete im Frühling 2018 öffentlich Zweifel an seinen schnellen Schritten in Richtung Automatisierung und beteuerte, dass Menschen unterschätzt werden.
Kawai betont, dass Toyota auch in Zukunft auf seine Mitarbeitenden, ihre Fähigkeiten und guten Ideen setzen möchte. Er bezweifelt nicht, dass die Automatisierung voranschreiten wird, jedoch sollen alle eingesetzten Roboter von Menschen, die wissen, was sie tun, angelernt werden. Die Aufgabenbereiche der Mitarbeitenden werden sich mit der Technologie wandeln, jedoch sollen die Angestellten bei Toyota bleiben. Laut Kawai sind Roboter dazu da, den Menschen zu unterstützen – die komplette Automatisierung selbst sei niemals das Ziel.

 

Diese Entwicklungen bei Toyota zeigen, dass Erfolg und Wachstum durch die Kreativität und Kompetenz der Menschen in einem Unternehmen entstehen. Der Mensch mit all seinen Ideen und Fertigkeiten steht also auch im Zeitalter der Digitalisierung im Fokus und es lohnt sich, in ihn und seine Fähigkeiten zu investieren. Gelingt es einem Unternehmen, das Potenzial seiner Mitarbeitenden und jenes der Digitalisierung miteinander zu verbinden, entsteht für dessen Zukunft der grösste Gewinn.


Quelle:
Bork, H. (3. Januar 2019). Der maschinelle Makel. Der Tagesspiegel, S. 3