Grau ist das neue Bunt

Verbreiteter als man vermutet ist in unseren Köpfen das Schwarz-weiss-Denken. Gefühlt nimmt es derzeit sogar massiv zu. Richtig oder falsch, gut oder schlecht, geeignet oder ungeeignet, offen oder rigide. Diese und viele andere Gegensatzpaare haben schon immer eine magische Anziehungskraft auf uns ausgeübt. Zwei Schubladen, zwei Kategorien, höchstens eine Alternative, 0 oder 1, wir oder die anderen, so lauten die Formeln des vereinfachten Lebens. Es wird scheinbar nur noch nach der Devise KISS („keep it simple, stupid“) gelebt. Unser Gehirn freut sich, muss es sich doch nicht mehr unnötig bemühen.

Denken hilft zwar, nützt aber nichts, wurde folgerichtig ein Buch des bekannten Verhaltensökonomen Daniel Ariely*1in der deutschen Sprache tituliert. Denken kostet nämlich vor allem Energie. Alleine die ohne unser Zutun auf uns täglich einströmende Informationsmenge führt uns bereits an den Rand der Erschöpfung. Unsere unselige Abhängigkeit von den mikroskopischen Dopaminausschüttungen im Gehirn, die uns Mobiltelefone und andere netzfähige Geräte bescheren, kommen noch erschwerend hinzu. Kein Wunder, dass Begriffe wie politische Korrektheit oder Gutmensch zu Unworten umdefiniert wurden. Das Krachlederne, das Rüpelhafte und Unzivilisierte gewinnt auf diese Weise plötzlich wieder unter dem Deckmantel der Vereinfachung allgemeine Akzeptanz. Ein fataler Rückschritt, denn gleichzeitig werden die Zeichen für gewaltige globale Probleme immer unverkennbarer. Nur völlig im Schwarzen eingetauchte oder im Weissen dahin taumelnde Menschen können die Brisanz dieser Themen ignorieren.

Für mich gipfelt ein Blick auf die aktuelle Lage der Welt in der Aussage einer Wissenschaftlerin*2, dass wir womöglich die einzige Spezies sein werden, die ihre eigene Ausrottung dokumentieren wird. Sie nannte ein Thema als Ursache, das eher im Hintergrund diskutiert wird. Das besorgniserregende Artensterben und die dramatisch zurückgehende Diversität führen letztlich auch zu unserer Auslöschung. Eine Ausgabe des Time Magazine 2012*3postulierte bereits „die Natur sei vorbei“, als ob wir in einer Welt ohne Natur überleben könnten.

Während Unternehmen und weitsichtige Menschen mit Macht versuchen, Diversität und Inklusion zu fördern, scheinen wir kulturell wieder in den Keller hinabzusteigen. Dabei zeigt sich bei allen neuen Studien und Befunden vor allem eines: es gibt im Höchstfall zu allen denkbaren Aussagen Wahrscheinlichkeiten. Der „gesunde Menschenverstand“ liegt dagegen meistens völlig daneben, weil er weder etwas mit gesund noch mit Verstand zu tun hat. Hier werden unzureichende Vereinfachungen zu Tatsachen umdefiniert. So sollten wir uns alle mindestens mit dem Denken in Optionen befassen. Es zwingt dazu neben den auf der Hand liegenden Gegensatzpaaren auch eine dritte Variante in Betracht zu ziehen. Damit öffnet sich uns ein weiterer Raum, der Raum der Grautöne. Wer beginnt, etwas mehr Energie zum Nachdenken als sonst aufzuwenden, gerät unversehens in eine Welt anderer Perspektiven. Das Schöne: Man kann so viel mehr entdecken und wird einer erstaunlichen Tatsache gewahr: Grau ist das neue Bunt.

Autor: Christoph Lindinger

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*1Ariely, D. (2010), Denken hilft zwar, nützt aber nichts, München, Knaur Taschenbuch

*2Cristiana Pașca Palmer im Guardian Interview: https://www.theguardian.com/environment/2018/nov/03/stop-biodiversity-loss-or-we-could-face-our-own-extinction-warns-un

*3Time Magazine “Nature is over” 2012 http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,2108014,00.html