Psychologische Sicherheit

Ist doch nett, oder?

Die Lernzone in der Teamentwicklung

„Wir sind nett zueinander!“ Als ich kürzlich einen Teamworkshop moderierte und nach der Art der Zusammenarbeit des Teams fragte, bekam ich als erstes diese Antwort. Aha! Auf meine Nachfrage, was ich mir darunter vorstellen sollte, wurde mir dann erklärt: „Wir sind freundlich zueinander und lächeln uns an!“

Im Nachhinein musste ich noch häufig an diese Antworten denken. Warum? Das Team wurde mir im Vorfeld als Paradeteam angekündigt oder, wie es Tuckman 1965 in seinem Phasenmodell der Teamentwicklung beschrieb, als Performing Team, auf Deutsch als reifes Team. Laut Tuckman ist der Umgang in dieser Phase geprägt von Wertschätzung und Respekt, so dass sich die Teammitglieder auf die Aufgabenbearbeitung und Problemlösung konzentrieren können.

Häufig mutiert diese Form der Wertschätzung allerdings zur eher wertlosen Nettigkeit. Man pflegt zwar oberflächlich einen angenehmen und freundlichen Umgang miteinander, spricht jedoch selten bis nie über Dinge, die nicht als nett wahrgenommen werden könnten. Standardsätze sind hier: „Ich verbrenne mir doch nicht den Mund, indem ich die schwierigen Themen anspreche! Am Ende bin ich womöglich wieder nur der Dumme!“
Dabei geht es doch gerade in reifen Teams darum, eine konstruktive Streitkultur aufzubauen – Fehler offen anzusprechen und damit aus ihnen lernen zu können.

Es geht um psychologische Sicherheit

Google berichtete 2016 von mehr als 180 seiner Teams, dass die psychologische Sicherheit der entscheidende Erfolgsfaktor ist, vor allem anderen. Amy Edmondson, die Koryphäe zu diesem Thema, beschrieb psychologische Sicherheit schon 1999 als „gemeinsame Überzeugung aller Teammitglieder, dass das Team sicher ist, um zwischenmenschliche Risiken einzugehen“.
Diese Phase der Teamentwicklung nennt Amy Edmondson Lernzone. Ein Zustand, in dem sich die Teammitglieder in einer Atmosphäre der psychologischen Sicherheit befinden. Sie sind bereit sich weiterzuentwickeln. Gelingen kann es nur, wenn man offen über Fehler, über Schwächen oder Entwicklungspotentiale im Team spricht. Ein reifes Team befindet sich in dieser Lernzone. Man kann über unbequeme Situationen und Themen reden und übernimmt dabei Verantwortung für das Vorankommen des Teams. Wer es bis hierhin geschafft hat, spricht Unangenehmes an, ohne andere zu verletzen oder negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Um zum oben genannten Teamworkshop zurückzukommen. Das Team zeigte im Verlauf des Workshops, dass es nicht nur Nettigkeiten waren, die ausgetauscht wurden. Es befand sich tatsächlich in der Lernzone. Die Teammitglieder sprachen offen über Stärken und Schwächen und entwickelten Ideen, wie sie sich verändern oder gegenseitig unterstützen können. Am Ende des Workshops gab es eine Themenliste, an der sie gemeinsam mit der Führungskraft weiterarbeiten wollten. Es wurde heiss diskutiert, aber niemand verbrannte sich dabei die Finger.
Als reifes Team in einer Atmosphäre der psychologischen Sicherheit zusammenzuarbeiten bedeutet eben mehr als nur „nett“ zueinander zu sein.


Autorin: Tanja Laufer