Emotionen und Führung | Teil 1

Eine 4-teilige Serie (nicht nur) für Führungskräfte:

Teil 1: Was sind überhaupt Emotionen und welche Rolle haben sie in unserem Alltag?

Teil 2: Wieso sollte man sich als Führungskraft mit Emotionen beschäftigen?

Teil 3: Wie kann man mit seinen eigenen Emotionen umgehen?

Teil 4: Wie kann man mit den Emotionen anderer umgehen?


Emotionen motivieren uns, steuern unser Verhalten, ermöglichen zwischenmenschliche Kommunikation und lenken unsere Aufmerksamkeit. Doch Emotionen können auch überwältigen, Missverständnisse auslösen und uns krank machen.

Diese Ambivalenz von Gefühlen mag dazu beitragen, dass das Thema Emotionen (insbesondere in der Geschäftswelt) mitunter einen schweren Stand hat. Die Idee einer Welt, die nur von Vernunft bestimmt wird, hatte bereits in der Antike Verfechter. Doch was für eine Welt wäre das eigentlich?

Eine Welt ohne Emotionen

Eine Vorstellung davon erhält man im 2002 erschienenen Film Equilibrium. Dort wird eine dystopische Zukunft gezeigt, in der nach einem dritten Weltkrieg menschliche Emotionen als Ursache für Gewalt identifiziert wurden. Um Frieden zu sichern, werden die Bürger des Stadtstaates gezwungen, ein Medikament einzunehmen, das alle Gefühle unterdrückt. Mit (scheinbarem) Erfolg: Die Kriminalität sinkt und die Gesellschaft lebt in Ordnung und Gehorsam. Also doch ein Modell für das echte Leben?

Ohne Gefühl ist der Verstand hilflos.

1982 wurde der portugiesische Neurologe Antonio Damasio mit dem Fall „Elliot“ konfrontiert. Elliot, ein erfolgreicher Geschäftsmann, Ehemann und Vater, litt seit einiger Zeit unter Kopfschmerzen und Konzentrationsproblemen, weshalb er sich ins Krankenhaus begab. Die Ärzte stellten einen Gehirntumor fest, den sie entfernten. Obwohl die Operation erfolgreich verlief, wurde Elliots Leben danach nicht besser – ganz im Gegenteil. Damasio bemerkte, dass Elliot nach der Operation zwar über den gleichen Intelligenzquotienten verfügte und sein Gedächtnis weiterhin gut war, aber keine emotionalen Reaktionen mehr zeigte

  • Elliot verlor die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen zu treffen.
  • Am Arbeitsplatz war er unfähig, Aufgaben zu strukturieren, verlor sich in unwichtigen Details und konnte keine übergeordneten Ziele mehr verfolgen.
  • Auch privat zerbrach sein Leben: Scheidung, eine unverständliche zweite Heirat, erneute Scheidung und sozialer Rückzug folgten.

Ich fühle, also bin ich. A. Damasio

Damasio formulierte daraus seine zentrale These: Emotionen sind unverzichtbar für Motivation, Prioritätensetzung und vernünftiges Handeln.

Warum ist der Fokus auf Emotionen heutzutage wichtiger als bisher?

Wer mit Menschen zu tun hat, hat mit Emotionen zu tun. Eine (Binsen-)Weisheit, die in der heutigen KI-getriebenen Welt wohl mehr Wahrheit hat als zuvor. Nicht überraschend also, dass unter den 56 Skills der Zukunft, welche vom McKinsey Global Institute identifiziert wurden, mindestens 30 % einen direkten Bezug zu Emotionen haben (Dondi et al., 2021). Heutige Führungskräfte brauchen emotionale Intelligenz (EI).

Emotionale Intelligenz nach Mayer & Salovey

Was sind Emotionen?

Wissenschaftler sind sich jedoch sehr uneinig, was die Definition einer Emotion ausmacht und wie sie sich von Gefühlen, Stimmungen etc. abgrenzt. Einigkeit herrscht eher darüber, dass es sich um ein komplexes Phänomen handelt, das unterschiedliche Prozesse miteinander vereint und etwas auslöst.

Emotion leitet sich vom lateinischen Wort „emovere“ ab, was „herausbewegen“ oder „in Bewegung setzen“ bedeutet.

Definition von Emotionen

Was ist mit Gefühlen und Stimmungen?

Im Alltagsgebrauch benutzen wir die Wörter Emotionen und Gefühle häufig synonym. Doch es gibt Unterschiede:

Gefühle und Stimmungen

Zwei derzeitig vorherrschende Emotionstheorien

Im wissenschaftlichen Kontext spielen derzeit vor allem zwei Theorien zu Emotionen eine Rolle: die Theorie der Basisemotionen von Paul Ekman und die Theorie der konstruierten Emotionen von Lisa Feldman Barrett.

Die Theorien der Basisemotionen und der konstruierten Emotionen im Vergleich

Was bedeutet dies für uns?

Die Theorie der konstruierten Emotionen betont, dass Emotionen individuell unterschiedlich konstruiert werden können. Unsere körperlichen Signale können hierbei jedoch nicht alleine betrachtet werden, sondern müssen unter Berücksichtigung unserer früheren Erfahrungen und des Kontextes interpretiert werden. Ein flaues Gefühl im Magen hat bei einem Date, dem nächtlichen Gang durch eine Nebenstraße oder nach einem scharfen Essen in der Regel eine ganz andere Bedeutung. Zudem betont sie den Einfluss der Kultur, in der wir aufwachsen. Manche Kulturen sehen eine bestimmte Emotion als wertvoller an als andere. Als Beispiel könnte man die kulturelle Interpretation von Scham sehen: In westlichen Kulturen eher als etwas Negatives, in östlichen Kulturen eher als etwas Positives, da sie zeigt, dass man gesellschaftliche Normen respektiert.

Die Theorie der Basisemotionen hingegen kann uns helfen, aus der Mimik und dem Verhalten unseres Gegenübers Hypothesen über dessen Emotionen zu bilden, diese anzusprechen und den Gründen nachzuforschen.

Wie das gemacht werden kann, darum geht es im zweiten Teil in zwei Wochen.


Quellen

Damasio, A. R. (1994). Descartes‘ Irrtum: Emotion, Vernunft und das menschliche Gehirn. G. P. Putnam.

Dondi, M., Klier, J., Panier, F., Schubert, J., & Schubert, J. (2021, June 25). Defining the skills citizens will need in the future world of work. McKinsey & Company. https://www.mckinsey.com/industries/public-sector/our-insights/defining-the-skills-citizens-will-need-in-the-future-world-of-work#/

Ekman, P. (1971). Universals and cultural differences in facial expressions of emotion. In J. K. Cole (Ed.), Nebraska Symposium on Motivation (Vol. 19, pp. 207–283). University of Nebraska Press.

Equilibrium. (2025, April 23). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Equilibrium_(Film)

Feldman Barrett, L. (2023). Wie Gefühle entstehen. Rowohlt.

Heinrich, C., Kühn, S., & Volz, K. G. (2011). Die Kunst der Entscheidung. ZEIT Wissen, (6). https://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/06/Entscheidungen

Mayer, J. D., Salovey, P., & Caruso, D. R. (2008). Emotional intelligence: New ability or eclectic traits? American Psychologist, 63(6), 503–517. https://doi.org/10.1037/0003-066X.63.6.503

Mayer, J. D., & Salovey, P. (1997). What is emotional intelligence? In P. Salovey & D. J. Sluyter (Eds.), Emotional development and emotional intelligence: Educational implications (pp. 3–31). Basic Books.

Rosete, D., & Ciarrochi, J. (2005). Emotional intelligence and its relationship to workplace performance outcomes of leadership effectiveness. Leadership & Organization Development Journal, 26(5), 388–399. https://doi.org/10.1108/01437730510607871