Emotionen und Führung | Teil 2

Eine 4-teilige Serie (nicht nur) für Führungskräfte:
Teil 1: Was sind überhaupt Emotionen und welche Rolle haben sie in unserem Alltag?
Teil 2: Wieso sollte man sich als Führungskraft mit Emotionen beschäftigen?
Teil 3: Wie kann man mit seinen eigenen Emotionen umgehen?
Teil 4: Wie kann man mit den Emotionen anderer umgehen?
Manage ich oder führe ich schon?
Führungskräfte in Unternehmen haben häufig eine Doppelfunktion: Zum einen sind sie Manager und zum anderen Führungskraft. Im ersten Fall sorgen sie für Stabilität, verwalten Ressourcen und regeln administrative Angelegenheiten. Im anderen Fall vermitteln sie eine Richtung, eine Vision und inspirieren ihre Mitarbeitenden, diesen Wandel zu erreichen.

Unterschied zwischen Führung und Management
Beides sind in der Regel notwendige Aufgabenfelder. Jedoch:
Vorgesetzte schätzten, dass sie 24 – 29% ihrer Zeit für Führungsaufgaben nutzten. Tatsächlich nahmen Führungsaufgaben nur 6% ihrer Zeit ein
Wieso man sich als Führungskraft mit Emotionen beschäftigen sollte
Im Führungsalltag überwiegt in der Regel die Zeit, die für Managementaufgaben genutzt wird. Ein Ungleichgewicht, das sich rächen kann, denn der Einfluss von Führung auf den Geschäftserfolg wird als größer angenommen als der Einfluss von Managementtätigkeiten (Mercer). In einer Metastudie konnte gezeigt werden, dass Führungskräfte, die über eine hohe Emotionale Intelligenz (EI) verfügen, die Haltung ihrer Teammitglieder positiv beeinflussen konnten, als effektiver wahrgenommen wurden und bessere Geschäftsergebnisse erzielten (Coronado-Maldonado & Benítez-Márquez). In einer weiteren Studie mit Senior Executives konnte gezeigt werden, dass emotionale Intelligenz, neben Persönlichkeit und Intelligenz, ein unabhängiger und bedeutender Erfolgsfaktor für Führungseffektivität ist. Der Vorteil von emotionaler Intelligenz ist, dass sie von den drei Aspekten am besten trainierbar ist.
Insbesondere die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen und zu nutzen („experiential EI“), sagte die Führungseffektivität stärker voraus als rein analytische EI-Aspekte (wie die bewusste, überlegte Verarbeitung und Steuerung von Emotionen) (Rosete & Ciarrochi).
Emotionale Intelligenz fördert „Getting-along“-Verhalten (z. B. Empathie, Kooperation), das wiederum „Getting-ahead“-Führungshandeln (z. B. Vision vermitteln, inspirieren) ermöglicht
Relevante Emotionen und ihre Bedeutung
Unser Alltag ist durchwoben von Emotionen. Dies kann die Freude über ein abgeschlossenes Projekt, die Wut über eine entgangene Chance oder die Angst vor einem schwierigen Gespräch sein. Neben Freude, Wut und Angst spielen noch viele andere Emotionen eine Rolle. Eine Emotion, die weniger diskutiert wird, ist Trauer. Eine Erfahrung ist uns in diesem Zusammenhang geblieben: In einem Workshop in einer wissenschaftlichen Institution hatten die Mitarbeitenden Projekte inne, welche häufig eine mehrjährige Laufzeit hatten (bis zu 10 Jahren). Die Projektleitenden bezeichneten ihre Projekte häufig als ihre «Babys». Das Ergebnis eines Projekts wurde am Ende seiner Laufzeit einer externen Stelle vorgelegt, die innerhalb von wenigen Minuten entschied, ob es umgesetzt werden sollte oder nicht. Die Bemerkung, dass dies wahrscheinlich traurig machen würde, wenn das Ergebnis eines solchen Projekts nicht weiter umgesetzt wurde, erstaunte die Teilnehmenden und machte sie nachdenklich. Das Team hatte unerfreulicherweise mit einem hohen Krankheitsstand und mehreren Fällen von Burn-out zu kämpfen, was daraufhin nicht als zufällig gesehen wurde.
Emotionen betonen das, was uns wichtig ist
Unsere eigenen Emotionen sowie die anderer wahrzunehmen, zu verstehen und auf diese einzugehen, macht uns nicht nur als Führungskraft effektiver, sondern auch menschlicher. Unsere Beobachtungen können uns einen ersten Hinweis auf die Emotion unseres Gegenübers geben. Auch wenn wir berücksichtigen sollten, dass sowohl der Ausdruck der Emotion als auch der Grund, wieso die Person sich so fühlt, individuell sein können (wie man Emotionen in Gesprächen ansprechen kann, darum geht es in Teil 4).

Emotionen: Mögliche Hinweise und Bedeutungen
Die sogenannten negativen und positiven Emotionen
Bei der Bezeichnung von Emotionen stützen wir uns umgangssprachlich auf die Kategorien „positiv“ oder „negativ“. Doch wenn all unsere Emotionen uns mit wichtigen Informationen versorgen, wirft es die Frage auf, wieso wir sie in negativ und positiv unterteilen.
Die Unterteilung in negativ und positiv bezieht sich dabei darauf, wie wir die entsprechende Emotion empfinden. Eine passendere Bezeichnung wäre „unangenehme“ und „angenehme“ Emotionen. Es wird häufig argumentiert, dass negative Emotionen einen stärkeren Handlungsimpuls haben als positive Emotionen, z. B. unser Gegenüber bei einer Grenzüberschreitung zu konfrontieren. Kommen wir diesem Impuls nicht nach, bleibt die unangenehme Empfindung in der Regel bestehen.
Wirft man einen Blick auf die sieben sogenannten Basisemotionen, sieht man, dass fünf der Emotionen (Angst, Trauer, Wut, Ekel und Verachtung) den negativen Emotionen und nur eine (Freude) den positiven Emotionen zugeordnet werden können.* Die amerikanische Psychologin Barbara Frederickson untersuchte, welchen Einfluss negative und positive Emotionen generell auf uns und unsere Wahrnehmung haben.

Was bedeutet dies für uns?
Um wirkliche Führung zu leisten, ist die Wahrnehmung und das Verständnis von Emotionen essenziell. Emotionale Intelligenz zeigt sich als ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Führungseffektivität. Denn Emotionen zeigen, was uns wichtig ist. Angenehme Emotionen erweitern die Wahrnehmung unserer Möglichkeiten, während unangenehme Emotionen uns auf spezifische Situationen fokussieren lassen.
3 Tipps
1. Beobachten Sie, wie viel Zeit Sie für Managementtätigkeiten aufwenden und wann es Zeit für Führungsaufgaben ist. Gestalten Sie Führungssituationen eher positiv, ohne jedoch negative Emotionen zu ignorieren.
2. Trainieren Sie Ihre Fähigkeit, Emotionen bei anderen wahrzunehmen, sei es durch Beobachtungen und Nachfragen oder z. B. durch einen Test wie den „Read the Mind in the Eyes“-Test. https://www.asperger-forum.ch/selbsttests/reading-mind-in-the-eyes/
3. Erkennen Sie Emotionen als Informationsquellen an, die Ausdruck davon sind, dass Ihrem Gegenüber oder Ihnen selbst etwas Bestimmtes wichtig ist. Sehen Sie es als Startpunkt eines Gesprächs, um herauszufinden, was dies ist.
Unser nächster Beitrag in zwei Wochen handelt vom Umgang mit unseren eigenen Emotionen.
*Überraschung wird als neutral angesehen und hilft unsere Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, wie z. B. beim Satz: „In ihrem Büro wartet ein Anwalt“. Ob die Überraschung als positiv oder negativ angesehen werden kann, entscheidet wie es weitergeht: „Er will die erfolgreiche Übernahme besprechen.“ oder „Unser grösster Kunde hat uns verklagt.“
Quellen
Consultancy.uk, Managers spend less than half of working time managing https://www.consultancy.uk/news/23008/managers-spend-less-than-half-of-working-time-managing
Coronado-Maldonado, I., & Benítez-Márquez, M. (2023). Emotional intelligence, leadership, and work teams: A hybrid literature review. Heliyon, 9(10), e20356. https://doi.org/10.1016/j.heliyon.2023.e20356
Frederickson, B. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218-226
Mercer Central Europe (2016). Lohnt sich Führung. Abgerufen unter:https://www.kalaidos-fh.ch/de-CH/Blog/Posts/Archiv/hrl-1060-Fuehrung-lohnt-sich-Teil1
Rosete, David & Ciarrochi, Joseph. (2005). Emotional Intelligence and its Relationship to Workplace Performance Outcomes of Leadership Effectiveness. ERA – 2010. 26. 10.1108/01437730510607871.
